Wie alles begann - meine Diagnose 2011


Kurz nach meinem 17. Geburtstag (September) veränderte sich mein Leben für immer.
Ich befand mich gerade als Austauschschülerin in America, genauer gesagt in Wisconsin.

Seit einiger Zeit fühlte ich mich seltsam schlapp und mir wurde oft schwindelig.
Während der Mittagspausen (Lunch break) wurde mir auch oft schwarz vor Augen und ich bekam infolgedessen keinen Bissen herunter, später plagten mich regelrechte Fressattacken, da mein Magen knurrte.
Abends ging ich immer früh zu Bett, da ich schon den ganzen Tag über so müde war.

Meine Gastfamilie und ich schoben es auf die ungewohnte Sprache, das ungewohnte Essen und mein neues, aufregendes Umfeld.
Doch entgegen aller Versprechen, wurde es nach einiger Zeit nicht besser, sondern schlimmer.

Zusätzlich zu meinem Schwächegefühl hatte ich eine Erkältung bekommen und machte die erste Bekanntschaft mit amerikanischen Ärzten.
Nun ist es in Amerika so, dass bei den nicht privaten Patienten nur die nötigsten Test gemacht werden, da das Krankenhaus diese Kosten selbst tragen muss.
Ich bekam also Blut abgenommen und dieses wurde auf eine Entzündung getestet. Nichts weiter.
Natürlich fiel ich bei meinem Pech erstmal in Ohnmacht und wachte wenig später auf einer Liege auf, meine besorgte Gastmutter an meiner Seite.
Den Tag verbrachte ich völlig entkräftet im Bett und bekam am Abend den Anruf, dass es sich um eine stinknormale Erkältung handeln sollte.

Danach habe ich um ehrlich zu sein Erinnerungslücken, ich weiß nur, dass der Schnupfen einige Male wiederkehrte, mit ihm die Symptome Schwindel und ein eigenartiges Gefühl, in einer riesigen Seifenblase zu sitzen (heute weiß ich, dass man dieses Gefühl Depersonalisierung nennt).
Die Ärzte teilten mir milde mit, dass ich mir das nur einbilden würde und vermutlich Heimweh hätte.
Verängstigt, wie ich es zu der Zeit war, wollte ich ihnen glauben.
Quälte mich durch die Schultage, landete jede zweite Stunde im Krankenraum und fühlte mich allein gelassen und elend.
Aber was, wenn ich mir das Schwindelgefühl wirklich nur einbildete und eigentlich gesund war?
Da ich Angst hatte, nochmal zu hören, dass ich ein Psycho sei, verschwieg ich, dass es mir nicht besser ging.

Natürlich verschlechterte sich mein Zustand so nur noch mehr.
Ich nahm sehr schnell ab und war so entkräftet, dass sogar die morgendliche Dusche zu einem Kraftakt wurde.

Ab und zu saß ich im Bett und wusste nicht, was ich die letzte Stunde getan hatte. Ich hatte Filmrisse.
Und diese Filmrisse machten mir mehr Angst als alles andere.
Ich hatte Angst, Abends schlafen zu gehen, weil ich vielleicht nicht mehr aufwachen würde.
Ich hatte Angst, aus dem Haus zu gehen, weil ich nicht auf der Straße zusammenbrechen wollte.
Ich war verzweifelt.

Meine Gastmutter kam auf die Idee, dass mir spezielle Nährstoffshakes helfen könnten.
Im Nachhinein haben sie mir wirklich geholfen und ich bin froh, dass es so gekommen ist.

Eines Abends, mittlerweile Anfang November, hatte ich wieder mal den ganzen Tag im Bett verbracht und Nährstoffshakes getrunken, die nicht so wirklich wirken wollten.
Plötzlich fing sich der Raum an zu drehen, immer schneller.
Ich konnte die Augen nicht mehr offen halten und bekam schlecht Luft.

Meine Gastmutter fuhr mich sofort zum Krankenhaus und ich wurde ans EKG angeschlossen, außerdem musste ich in eine Tüte atmen.
Endlich, nach zwei Monaten voller Quälerei, wurde tatsächlich mal mein Blutzucker gemessen.
Dass der die 400er Marke längst überschritten hatte, muss ich wohl kaum erwähnen.

Nach der Nacht im Krankenhaus war ich vor allem erleichtert. Ich würde wieder gesund werden, denn mit Diabetes konnte man leben.
Komisch, wie glücklich man über eine Stoffwechselerkrankung sein kann.

Doch leider hatte ich das Ende noch nicht erreicht. Und jetzt, wo ich so gut Bescheid weiß, tut es wirklich weh, darüber zu schreiben, zu reden.

Ich bekam also Insulin, ein Hormon, dass meinem Körper zu dem Zeitpunkt seit 2 Monaten mehr oder weniger gefehlt hatte.
Leider bekam ich nur Lantus, ein Basalinsulin, was ich von nun an jeden Abend injizieren sollte.
Bolusinsulin, eine Schulung? Bekam ich nicht.
Nur die Anweisung (das Schlimmste überhaupt!) keine Kohlenhydrate mehr zu essen.

Jeder Diabetiker weiß, wenn Insulin im Blut ist, müssen Kohlenhydrate gegessen werden, sonst hat man Erstens keine Energie und kann Zweitens sehr leicht unterzuckern.
Was ich dann auch tat, andauernd.
Und natürlich fühlte ich mich nach Mahlzeiten immer noch genau so schlecht.
Diese Zeit war wirklich fast schlimmer als vor der Diagnose.
Wie können Ärzte bitte sowas tun?
Wie kann man sich nicht mit Diabetes TYP EINS auskennen?
Es gibt auch genug Typ 1er in Amerika, auch wenn Typ 2 dort weiter verbreitet ist.

Ich bin sehr, sehr froh, dann die Entscheidung gefällt zu haben, nach Deutschland zu fliegen und mein Auslandsjahr abzubrechen.
Diese Entscheidung tut immer noch weh, aber wer weiß, was passiert wäre, wenn ich dageblieben wäre.

In Deutschland kam ich sofort ins Krankenhaus, bekam mein Insulin und eine gute Schulung.
Außerdem benannte die dort anwesende Psychologin meine Angst, eine posttraumatische Reaktion auf diese Monate.
Agoraphobie. Danke an die inkompetenten Ärzte.

Mit Diabetes kam ich dann eigentlich relativ gut klar, aber die Angsterkrankung zu bekämpfen war um Einiges schwieriger und hat drei Jahre angedauert.
(Wer mehr darüber lesen will, kann sich diesen Post auf meinem anderen Blog durchlesen.)

Was ich nach diesen 3 anstrengenden Jahren sagen kann, ist, dass ich nun weiß, wofür es sich zu kämpfen lohnt und ich endlich gewonnen habe.
Ich bin glücklich, trotz und mit Diabetes.
Und ich hoffe, dass ihr das auch seid.