Diabetes & Psyche: Angststörung, Depressionen und das Danach

Leider noch immer ein viel zu großes Tabuthema: Diabetes kommt tatsächlich häufiger zusammen mit psychischen Erkrankungen vor, als wir das vielleicht denken.
In dieser Blogparade, die auf den Weltdiabetestag folgt, wollen wir an fünf Tagen das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln heraus aufgreifen, euch von unseren eigenen unterschiedlichen psychischen Erkrankungen berichten, gute und schlechte Geschichten erzählen und ganz ehrlich mit euch sein. Denn wir möchten das Tabu brechen, das Thema weiter zugänglicher machen und Stereotypen endlich aus der Welt schaffen!
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Heute möchte ich über ein Thema sprechen, welches in der Gesellschaft leider immer noch häufig tabuisiert wird. Ich finde es sehr wichtig, über die Psyche, psychische Erkrankungen und die mentale Gesundheit zu reden.
Es ist tragisch, dass wir in einer Welt leben, in der manche Menschen mit ihrem Kummer keinen anderen Ausweg wissen, als ihr Leben zu beenden — auch weil psychische Probleme in der Gesellschaft als "schwach" deklariert werden und viele Menschen sich nicht trauen, über ihre Probleme zu reden. Dabei wäre und ist ein offener Umgang mit psychischen Erkrankungen so wichtig!

Chronische Erkrankung als Stressfaktor

Eine chronische Erkrankung zu haben ist ein Faktor, der Stress auslöst und die mentale Gesundheit stark beeinflusst. Wie frustrierend es sein kann, wenn Mensch hart für sein Diabetes Management arbeitet, aber die Werte trotzdem nicht stimmen. Wenn Mensch mal wieder stundenlang wegen Unterzucker wach lag und deshalb morgens völlig übermüdet ist und nicht den gewohnten Tätigkeiten nachgehen kann.
Aus Frustration kann sich oft Ärger und Wut über die Erkrankung entwickeln, die angestaut zur Depression ausarten kann. Sich jeden Tag für den Rest seines Lebens mit seinem Körper zu befassen, der nicht immer so einwandfrei funktioniert, wie Mensch es möchte. Es ist anstrengend und eine zusätzliche Last. Eine Last, die Nicht-Betroffenen oft gar nicht so klar zu sein scheint. Denn natürlich möchte ich mich auch nicht dauernd darüber beklagen, eine chronische Erkrankung zu haben oder dass es eben nicht immer einfach ist.


Auf die Frage „Du kommst damit aber gut klar, oder?“ antworte ich oft mit Ja, denn im Prinzip tue ich das ja auch. Nichtsdestotrotz ist eine chronische Erkrankung natürlich scheiße. Es gibt gute und schlechte Tage.
Letztens habe ich einen Gedanken dazu gelesen, der es gut zusammenfasst:

Stell dir vor, du musst jede deiner Entscheidungen am Tag anhand einer Nummer treffen.
Eine Nummer, die, egal wie hart du daran arbeitest oder wie strukturiert dein Alltag ist, jeden Tag anders ist. Wie frustrierend das sein kann.

Stell dir vor, du musst dir jeden Tag mehrmals in den Finger stechen und dich jedes Mal spritzen, wenn du etwas isst oder die Nummer zu hoch ist. Die Faktoren sind je nach Tageszeit unterschiedlich.

Stell dir vor, alles was du tust hat Auswirkungen auf diese Nummer und die Nummer hat Auswirkung auf dein Wohlbefinden.

Stell dir vor, du kannst nicht das tun, was du liebst oder gern machen würdest, weil die Nummer zu niedrig ist.
Stell dir vor, du möchtest etwas essen aber kannst nicht, weil die Nummer zu hoch ist. Oder du musst etwas essen, obwohl du gar nicht möchtest, aber die Nummer zu niedrig ist.

Stell dir vor, du würdest gern zum Sport aber musst jedes Mal im Voraus planen, wie es sich auf die Nummer auswirkt. 

Stell dir vor, du wachst nachts zitternd, verwirrt und schweißgebadet auf, weil die Nummer zu niedrig ist und dein Körper Alarm schlägt, um nicht zu sterben.

Für mich und andere Menschen mit Typ 1 Diabetes ist das keine Vorstellung, sondern Alltag.
Zahlen, die permanent im Hinterkopf herumschwirren. Zahlen, von denen wir keine Pause bekommen können. Zahlen, die wütend machen oder traurig. Manchmal auch glücklich.
Es ist eine zusätzliche Belastung, die wir mal so eben "wuppen", weil wir es müssen.
Es bleibt keine Wahl.
Ich wünschte, ich würde von der Aussage "Krass, das könnte ich nicht" verschont werden. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich seit 7 Jahren tot. Dass ich durch eine anfänglich falsche Diagnose auch hätte sterben können ist noch mal eine andere Geschichte...

Diese Zeile haben bei Facebook großen Anklang gefunden. Wer mich und meinen Blog schon kennt, weiß, dass die Zeit vor und nach meiner Diagnose nicht sehr glücklich verlaufen ist. Durch die anfänglich falsche Behandlung meines Diabetes habe ich eine Angststörung entwickelt.

Über meine Angststörung 

Mein Körper war so geschwächt, dass er in ständiger Alarmbereitschaft war. Alles, was mich aufgeregt oder an die Zeit erinnert hat, hat Panikattacken in mir ausgelöst. Bei jeder Panikattacke hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, alles wurde verschwommen oder mir wurde schwarz vor Augen, die Farben und Geräusche um mich herum wurden so intensiv, dass ich es nicht aushalten konnte. Manchmal hatte ich mehr als 10 Panikattacken pro Tag. Schon eine Panikattacke stresst den Körper sehr.
Ich habe mich irgendwann nicht mehr aus dem Haus getraut, konnte weder zur Schule noch in die Stadt gehen; selbst mit dem Bus oder Auto fahren war eine Tortur. Ich habe mich gezwungen, im Feldweg hinter unserem Haus spazieren zu gehen und meinen Körper zu konfrontieren. Schlussendlich habe ich mich für einen stationären Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik entschieden, weil ich nicht mehr weiter wusste. Dort verbrachte ich zwei Monate und lernte, mit den Panikattacken besser umzugehen.
Es hat mehr als drei Jahre gebraucht, bis ich weitestgehend frei von Panikattacken war. Doch bis ich mir wieder ein Leben frei von den Nachwirkungen der Angststörung aufgebaut habe, hat es nun insgesamt 7 Jahre gedauert.

Wie ging es nach der Therapie weiter?

Ich möchte heute ein wenig von diesen Nachwirkungen sprechen.
Dadurch, dass mein Körper durch die unzulängliche Insulinzufuhr nicht genügend Nährstoffe aufnehmen konnte, war ich sehr schwach und am Anfang strengte mich selbst das aufrechte Stehen in der Dusche zu sehr an. Ich hatte keine Ausdauer, mehr als ein paar Meter zu gehen. Alle Wege zu Fuß waren sehr, sehr anstrengend.
Dazu war ich durchgehend angespannt. Meine Therapeutin sprach davon, dass meine Grundanspannung viel höher lag als bei anderen Menschen. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sich das anfühlt. Ich konnte mich nicht fallen lassen und entspannen. Beim kleinsten Zeichen der Entspannung und des „Locker Lassens“ kam eine Panikwelle angerollt. Das lag auch unterbewusst daran, dass ich so sehr Angst hatte, wieder die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Selbst wenn ich im Bett lag und ein Buch las waren meine Muskeln angespannt.

Heute ist das nicht mehr der Fall. Es macht mir immer noch Schwierigkeiten, zum Beispiel beim Yoga in der Schlussentspannung ruhig auf dem Rücken liegen zu bleiben. Dann macht sich eine so größere innere Unruhe in mir breit, die ich nicht immer aushalten kann.

Was auch nach sieben Jahren nicht besser geworden ist und woran ich mich erschreckenderweise gewöhnt habe: jede Nacht kurz vorm Einschlafen schrecke ich hoch. In dem Moment, wo ich schon fast eingeschlafen bin, bekomme ich plötzlich keine Luft mehr. Hochschrecken meine ich auch so. Ich sitze plötzlich senkrecht im Bett und schnappe nach Luft. Jede Nacht. Seit sieben Jahren.
Leider habe ich dafür noch keine Lösung gefunden. Wenn ich ins Bett gehe, dann weiß ich, dass ich noch 1-2 Stunden drauf rechnen kann, bis ich einschlafe, da ich davor mit diesen Nachwirkungen zu kämpfen habe. Aber ich kann damit leben, auch wenn mir natürlich der zusätzliche Schlaf fehlt.

Auch musste ich meine Ausdauer aufbauen. Ich erinnere mich an ein Silvester, an dem ich mit Freunden am Strand gefeiert habe. Das war schon eine erste große Mutprobe für mich, da mir offene, weite Plätze und laute Geräusche damals noch sehr zusetzten. Am Ende haben wir kein Taxi bekommen und mussten zu Fuß zu einer Freundin laufen.
Das Problem: Ich habe damals noch keine weiteren Strecken geschafft. Also haben sich meine Freunde abwechseln müssen, um mich nach Hause zu tragen. Heute können wir darüber lachen, aber es war nur eine von vielen Situationen, in denen ich mir eingestehen musste, dass mein Körper nicht so kann wie andere Menschen in meinem Alter.
Es war ein langer und frustrierender Weg, aber meine Ausdauer kommt langsam zurück und ich bin sehr froh darüber. Ich kann jetzt auch wieder Fahrrad fahren. Das hat sieben Jahre nicht geklappt. Auch, weil sich diese Bewegung sehr krass auf meine Blutzuckerwerte auswirkt und ich nach dem Fahrradfahren immer niedrige Werte habe.

Eine andere Nebenwirkung war die Panik vor Unterzuckerungen, über die ich auch schon auf dem Blog berichtet habe. Es gibt noch viel, was ich dazu schreiben könnte.

Healing isn't linear 

Auch, wenn es von außen so aussieht, als wäre alles einfach. Das ist es nicht. Heilung passiert nicht auf geraden Linien. Manchmal geht es mir sehr gut, manchmal holt mich die Vergangenheit oder schlechte Werte ein. Aber wichtig ist, dass ich darüber offen reden kann und in der Community und bei Freunden und Familie auf offene Ohren stoße.
Ich finde, dass es nicht schwach ist, über seine Verletzlichkeit zu sprechen, sondern mutig.
Wie schön ist es, wenn Menschen mir erzählen, dass meine authentischen und ehrlichen Erzählungen ihnen helfen, selbst mutig zu werden und sie selbst zu sein? Das ist der Grund, weshalb ich all das mit euch teile. Danke.

In den nächsten Tagen findet ihr Beiträge über Diabetes & Psyche bei Tine, Lisa, Sassi und Katharina. Katharinas Beitrag könnt ihr hier nachlesen.