Fremd im eigenen Körper - Erinnerungen an die Zeit vor meiner Diagnose


Ich habe den Netflix-Film "Feuer im Kopf"geguckt, bei dem es um eine junge Frau geht, die eine seltene Autoimmunerkrankung hat, bei der das Immunsystem ihr Gehirn angreift. Der Film basiert auf einer wahren Biographie von Susannah Cahalan und ihre anfänglichen Symptome haben mich an meine Zeit vor der Diagnose erinnert, was mich auch dazu veranlasst, diese Worte zu schreiben.
Meistens vermeide ich es, über die Zeit kurz vor der Diagnose nachzudenken, da die Erinnerungen mit viel Schmerz und Verzweiflung durchsetzt sind. Ich verschließe normalerweise die Tür zu diesen Erinnerungen, weil sie mich zu sehr aufregen. Aber nach diesem Film habe ich das Gefühl, dass ich meine Gedanken und Gefühle zu diesem Thema rauslassen muss und auch möchte. Wie ich mich zu dieser Zeit gefühlt habe, können wohl nur sehr wenige Menschen wirklich nachvollziehen und ich kann die Fülle an Emotionen nicht in Worte packen, weil es keine geeigneten Worte dafür gibt.



Wie die meisten meiner Blog-Leser wissen, habe ich während eines Auslandjahres die Diagnose Typ 1 Diabetes erhalten. Die Zeit bis zu dieser Diagnose ist nicht optimal verlaufen. Mir ging es zwei Monate lang psychisch und physisch sehr schlecht und auch nach der Diagnose bekam ich weder eine Schulung noch das benötigte Insulin, weshalb ich mich schweren Herzen dazu entschied, mein Auslandsjahr abzubrechen. In Deutschland kam ich sofort ins Krankenhaus. Lange Zeit habe ich unter einer Angststörung und täglichen Panikattacken gelitten, ausgelöst durch diese zwei Monate, in denen ich nicht wusste, was mit mir passierte. Ich hatte Angst, verrückt zu werden. Ich verlor die Kontrolle über mich und meinen Körper. Ich hatte Angst, zu sterben.

Ich kann nicht mehr genau sagen, wie alles angefangen hat. Ich hatte bereits zuvor Episoden gehabt, in denen ich mich seltsam benebelt fühlte, als würde ich wie automatisch funktionieren und ich mir von außen beim Funktionieren zuschaue. Als wäre ich in Watte gepackt, alles kam nur gedämpft bei mir an. Ich fühlte mich meinem Körper nicht zugehörig, als wäre ich gar nicht Teil von ihm. Mir war schwindelig und alles fühlte sich so falsch an. Auch bei meinem Aufenthalt in New York beim Vorbereitungscamp hatte ich solche Aussetzer, wie ich sie nannte. Das Gefühl lässt sich etwas mit einem niedrigen Blutzucker vergleichen und wer weiß, vielleicht war es ja auch so.
In Amerika fing alles mit einer Grippe an, die einfach nicht mehr weggehen wollte. Ich fühlte mich schwach, mir war durchgehend schwindelig. Die Ärzte sagten, ich würde mir die Symptome einbilden, es wäre der Kulturschock oder Heimweh. Bald würde wieder alles normal sein.
Ich saß im Klassenzimmer und alles drehte sich. Mir wurde schwarz vor Augen, der Raum wurde immer enger. Ich versuchte, nach außen hin ruhig zu wirken. Innerlich dachte ich, dass ich verrückt wurde. Ich bildete mir diese undefinierbaren Gefühle ein. Manchmal saß ich auf dem Bett und wusste nicht, was ich den Tag über gemacht hatte. In der Lunch-Pause konnte ich nicht mehr an den Tischen sitzen, weil mich die Ohnmacht drohte, einzuholen. Also aß ich mein Brot auf der Toilette, ein kleiner enger Raum nur für mich, Stille. Weil ich die Welt und alles um mich herum nicht ertragen konnte. Das Gerede toste in meinen Ohren, das Gelächter war wie spitze Nadelstiche, alles ließ mich nervös werden.
In der Apotheke bekam ich damals meine erste Panikattacke, von der ich nicht wusste, dass es eine war. Ich dachte auch bei jeder Panikattacke, dass es mit mir zu Ende ging. Woher hätte ich auch wissen sollen, dass immerhin dies eine Sache meiner Psyche war?

Ich erinnere mich auch noch an die Zeit in Chicago. Es war ein Ausflug mit anderen Austauschschülern, wir schliefen zu Viert in einem Hotelzimmer. In der einen Nacht schreckte ich alle halbe Stunde hoch und wusste nicht, was mir fehlte, außer dass ich das Gefühl hatte, ganz weit weg zu sein. Durch einen Tunnel zu sehen. Zudem hatte ich eine innere Nervosität, die ich nicht abstellen konnte. Ich lief jede dieser halben Stunden auf Toilette, weil es der einzige Raum war, an dem ich allein sein und die anderen nicht stören konnte. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Verzweiflung. Ich dachte wirklich, dass ich mir all das nur einbildete und verrückt sei. Niemand, dem ich mich anvertrauen wollte. Niemand, der mir helfen konnte. Ich war damit ganz allein auf mich gestellt.
Natürlich merkten die Menschen in meinem Umfeld Veränderungen an mir, aber ich entwickelte auch Strategien, um ihnen Normalität vorzutäuschen. Wie ich es auch später mit der Angststörung tat.

Irgendwann war ich so weit, dass ich zu Gott betete, nicht sterben zu müssen. Ich glaubte weder damals noch heute an Gott. Ich wusste nur nicht mehr weiter. Ich fühlte mich in meinem Körper gefangen, der einfach keine Ruhe geben wollte.

Wie ihr seht, kann ich diese intensiven Gefühle aus den Erinnerungen immer noch nicht greifen und beschreiben. Ich kann nur ein Echo von ihnen empfangen, weil ich mich von ihnen abgeschirmt habe, um zu heilen. Es macht mich traurig, wenn ich daran zurückdenke, wie viel Leid ich durchgemacht habe. Wie gern würde ich zurückgehen und sagen, dass alles gut werden wird. Dass es mir wieder gut gehen wird, dass ich wieder leben werde.
Diese Erinnerungen werden für immer ein Teil von mir sein und manchmal werde ich sie auspacken und sie nachspüren. Heute habe ich gelernt, damit umzugehen. Es ist okay. Ich kann sie loslassen.

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