Mein Kampf gegen die Angststörung / Diabetes und Psyche


DSC_7872

Wer die Geschichte meiner Diagnose kennt, weiß, dass ich damals Einiges durchmachen musste.
Aber während ich die Geschichte der Diagnose schriftlich festgehalten habe, wollte ich mich nicht näher mit der Fortsetzung auseinandersetzen: Meiner Angststörung.

Mittlerweile kann ich ganz offen über die schwierigsten Jahre meines Lebens reden und möchte daher eine neue Kategorie einführen; meinen Kampf gegen die Angststörung thematisieren.
Ich möchte den Menschen, denen es ähnlich geht, Mut machen.
Solange ihr die Hoffnung nicht aufgebt und jeden Tag weiterkämpft, wird es euch besser gehen.
Es braucht viel Kraft und vor allem viel Zeit, aber ihr werdet es schaffen, euch aus dieser Lage zu befreien.
Ihr werdet wieder unbeschwert und glücklich sein können.
Vielleicht nicht jeden Tag, aber mindestens jeden Zweiten.

Ich möchte damit anfangen, einen Text zu veröffentlichen, den ich 2014 auf meinen alten Blog online gestellt habe.
2014 ging es mir tatsächlich schon besser, aber noch lange nicht so gut, wie es heute der Fall ist.
__________

Besonders jetzt, zu einer Zeit, wo sich wieder alles ändern wird, denke ich oft an die letzten drei Jahre zurück.

Drei Jahre, die es gebraucht hat, um mir mein Leben zurückzuholen.
Drei Jahre, nach denen ich endlich wieder sagen kann, dass ich glücklich bin.
Drei Jahre mit täglichen Kämpfen gegen den eigenen Körper.

Ich denke, die meisten in meinem Umfeld wissen gar nicht, was für ein Glück ich wirklich habe, solch eine Willenskraft zu besitzen. Es gibt nur wenige Menschen, die sich aus den Klauen einer Angsterkrankung befreien können.
Viele von Ihnen haben seit Jahren nicht ihr Haus verlassen, aus Angst.
Angst vor dem Draußen sein, vor der Weite, vor den Menschenmassen, vor dem Gefühl, Angst zu haben.
Vor dem Gefühl der Unwirklichkeit, das einen überfällt. Das von oben auf sich selbst herunter gucken.
Das Bewusstsein kann falsch gepolt viel Schaden anrichten, ohne dass man etwas dafür kann.

Stellt euch vor, wie es sich anfühlt, wenn euch das Gehirn falsche Tatsachen vorspielt, in diesem Fall nackte Angst.
Das Herz rast, man bekommt kaum Luft, die Welt sieht plötzlich unnatürlich scharf und grell aus, man möchte flüchten.
Aber man kann nirgendwohin flüchten oder vor einer Sache weglaufen, denn da ist nichts.
Und natürlich weiß man, dass dort nichts ist, aber in einer Paniksituation kann man nicht besonders gut denken oder ruhig bleiben, während der Puls in den Ohren pocht.

Ich weiß nicht, ob man wirklich nachvollziehen kann, wie sich diese Situation anfühlt, wenn man noch nie eine ausgewachsene Panikattacke hatte.
Und genau so gut könnten mich die Leute für verrückt erklären, aber wer mich kennt, der weiß, dass ich eigentlich ein "ganz normaler Mensch" bin.

Es ist schwer, zu beschreiben, wie sich Panikattacken wirklich anfühlen, das war nur ein Versuch.
Noch viel schwerer ist es aber, dagegen anzukämpfen.
Am Anfang waren es mindestens 20 Panikattacken am Tag, die ich über mich ergehen lassen musste.
Sie kamen in den unmöglichsten Situationen, also schien es keinen bestimmten Auslöser zu geben.

Biologisch betrachtet ist es relativ einfach erklärbar: Dadurch, dass es mir zwei Monate ununterbrochen schlecht ging, haben sich meine Angstrezeptoren umgepolt.
Sie konnten nicht mehr erkennen, wann Gefahr für meinen Körper lauerte. Dadurch waren sie einfach die ganze Zeit in Betrieb (ich denke mal, das ist dann eine übermäßige Ausschüttung von bestimmten Transmittern) und mein Körper war dauerhaft in Alarmbereitschaft.
Und wenn man einmal so eine Attacke erlebt hat, ist es nur logisch, dass man Angst vor der Nächsten bekommt.
So konnte mein Körper auch nicht mehr zur Ruhe kommen, als es mit der Diabetesbehandlung bergauf ging.

Ich konnte nicht mehr aus dem Haus gehen, ohne dass eine Panikwelle mich überrollte.
Selbst im Haus gab es nur einen Ort, wo ich mich sicher fühlte. Mein Zimmer. Genauer gesagt mein Bett, meine Insel.
Und als ich dann selbst dort Panik bekam, brach natürlich eine Welt für mich zusammen.
Wenn man sich nirgendwo sicher fühlen kann, ist das ein furchtbares Gefühl.

Die letzten 3 Jahre habe ich neben der Schule versucht, diese Sicherheit zurückzugewinnen.
Ich musste oft nach Hause, da ich es in der Schule oder in der Öffentlichkeit nicht mehr aushielt, was sehr frustrierend war.
Es fühlte sich jedes Mal nach Versagen an.

Ich weiß, dass andere Angstpatienten und meine Therapeutin mich für meine Willensstärke bewunderten, aber es fühlt sich nicht nach einem Sieg an, wenn man Dinge erreicht, die für andere Menschen jeden Tag das Normalste auf der Welt sind.
Ich war im Kino ohne eine Panikattacke – wow.
Oder: Ich habe eine Panikattacke überstanden, ohne zu verweifeln.
Es fällt schwer, auf solche Dinge stolz zu sein. Vor allem, wenn die meisten deiner Mitmenschen nicht mal etwas davon mitbekommen oder einfach nicht verstehen, wie hart dieses unsichere Leben für mich war.

Psychische Probleme finden in unserer Welt zwar mehr und mehr einen Platz, aber trotzdem ist es noch ein Thema, über das nicht genug geredet und aufgeklärt wird.
Beispielsweise sind Viele immer noch der Meinung, Mädchen würden essgestört werden, um dünn zu sein. Dabei resultiert das meist aus ganz anderen Problemen.
Genau deshalb hatte ich Angst, davon zu erzählen, denn ich wollte nicht als ‚irre‘ abgestempelt werden, wenn ich das nicht war. Menschen, die sich mit solchen Erkrankungen auskennen, wissen, dass Adjektive wie mutig oder willensstark viel besser zu mir passen.

Als wir letzte Woche unsere Prüfungsergebnisse für die Abiturprüfungen bekamen, wurden die Schüler mit einem Einser-Abi geehrt, denn das ist natürlich eine Leistung.
In meinem Kopf aber habe ich auch mir selbst applaudiert, denn auch wenn mein Abitur unter den Umständen etwas gelitten hat, habe ich doch sehr, sehr viel erreicht.
Und als einige meiner Mitschüler vor Freude weinten, musste ich auch das ein oder andere Tränchen verdrücken.
Nicht aus Freude über die gute Note, sondern darüber, dass ich so weit gekommen bin.
Von ganz unten nach weit oben, endlich wieder glücklich.

Die letzten drei Jahre waren wohl die Härtesten meines Lebens und doch würde ich die Zeit nicht zurückdrehen wollen.
Meine letzte Panikattacke hatte ich im Februar und auch wenn es immer noch Dinge gibt, die ich lieber meide, geht mein Kampf weiter.

Und ich bin die Gewinnerin.

Aufruf: Internationales Diabetes-Volleyballturnier in Polen!


Du wolltest schon immer mal Zeit mit anderen Diabetikern in deinem Alter verbringen, Diabetiker aus anderen Ländern kennenlernen und Erfahrungen austauschen?
Wenn du jetzt noch zwischen 18 und 30 Jahre alt bist und vom 15. bis zum 18. September Zeit hast, ist das deine Chance!
____________

Die polnische Diabetesorganisation "UKRR Trzymaj Poziom", Mitglied der International Diabetes Federation (IDF), veranstaltet am 17. September ein internationales Volleyballturnier von und für junge Menschen mit Diabetes.
Das dazugehörige Camp inklusive Sightseeing findet vom 15. bis zum 18. September in Lodz, Polen, statt.

Auch 5-6 Vertreter aus Deutschland dürfen dabei sein!

Aber keine Sorge: Du musst für das Turnier kein absoluter Sportprofi sein, es geht der Organisation vorrangig um das Knüpfen neuer Kontakte und den Erfahrungsaustausch.
Natürlich wollen wir wie immer auch zeigen, dass man mit Diabetes alles schaffen kann!

____________

Wenn du Lust hast, ein paar schöne Tage mit Gleichgesinnten in Lodz und Warschau zu verbringen, schreib' mir eine E-Mail und erzähle etwas über dich, die ersten 5 Bewerbungen dürfen mitfahren! :-)

Sende die Mail bitte bis zum 27.07.2016 an insulea@web.de


Die Kosten für den Aufenthalt (Unterkunft, Verpflegung, Sightseeing) werden von der polnischen Organisation getragen.
Auch die Anfahrtskosten werden voraussichtlich übernommen.


Dies ist ein Projekt von der DDH-M Jugend.



Mehr als nur Diabetesblogger


Als aktiver Diabetesblogger beschäftige ich mich rund um die Uhr mit meiner "Erkrankung".
Ideen für neue Artikel ziehe ich aus meinem Alltagsleben, dauernd fotografiere ich Sensor und Pumpe, um andere Diabetiker an meinem Leben als Halbroboter teilhaben zu lassen.
Selbst im Urlaub wird fleißig geknipst, schließlich möchte ich der Welt mitteilen, dass Diabetiker durchaus zu Allem in der Lage sind und selbstverständlich nicht weniger leistungsfähig, wie einige Unwissende immer noch behaupten.

Bei jedem Satz über Diabetes und bei jeder Frage zu meinen Technikrevolutionen am Körper bin ich sofort zur Stelle und kläre gerne auf.
Wann ist der Blutzucker gut, wann schlecht, was tue ich bei einer Unter- oder Überzuckerung, wie bemerkt man so etwas, wie lange trage ich Pumpe und Sensor, tut das nicht weh, gibt die Pumpe automatisch Insulin ab, musst du dann überhaupt noch was machen, wechsele ich die etwa selber oder macht das der Arzt und wie toll, dass es mittlerweile so nützliche Geräte gibt.
Irgendwann schwirrt nicht nur mir der Kopf von zu vielen Informationen.

Unter Gleichgesinnten :-)

Ich bin sehr froh darüber, dass ich mit meinem Blog und meiner offenen Art viel zur Aufklärung über Diabetes beitragen kann.
Ich liebe es, über lustige Situationen zu berichten oder mich über die nervenden Seiten des Diabetes aufzuregen und eine Plattform zu haben, auf der mir so viele verschiedene Menschen mitteilen, dass es ihnen manchmal genau so geht wie mir!
Das Gefühl, dass alle meine Hochs und Tiefs (nicht nur auf den Blutzucker bezogen) hier verstanden werden, ist mir sehr wichtig und hilft mir bei meiner Therapie.

Trotz allem brauchte ich in letzter Zeit einfach mal eine Pause von den ganzen Gedanken um Diabetes, die nicht direkt etwas mit meinem Körper und mir zu tun hatten.
Die letzten Monate waren sehr stressig für mich und Diabetes lief nur so nebenher.
Das finde ich manchmal ganz okay, solange die Blutzuckerwerte trotzdem einigermaßen gut sind.
Andererseits ärgere ich mich schon sehr darüber, dass sich mein HbA1c verschlechtert hat.
Zugegeben, 6,9% ist immer noch ein Traumwert, allerdings war es davor eine 6,1%, die ich lieber wieder anstreben möchte.

Um ehrlich zu sein weiß ich aber selbst nicht, wie ich das wieder schaffen soll, denn der Wert entstand zu einer sehr stressfreien Zeit, in der ich nicht viel erlebt habe, was den Blutzucker verrückt spielen lässt.
Mein Studentenleben scheint den Blutzuckerwerten nicht wirklich zu gefallen - keine geregelten Zeiten, generell nicht viel Zeit und spontane Aktionen.

Das größte Stück von der Torte, bitte! 

Dafür fühlt sich mein Leben jetzt deutlich besser an.
Ich lebe in einer Stadt, die ich gern mag und die nicht all zu weit von meiner Heimat entfernt ist.
Schon morgens höre ich das Kreischen der Möwe und Schiffshorne - nichts macht mich glücklicher, als nah am Meer wohnen zu können.
Ich studiere einen wahnsinnig interessanten Studiengang und habe damit anscheinend endlich etwas gefunden, was mich erfüllt.
Zwar komme ich in letzter Zeit nicht mehr so häufig zu meinen liebsten Hobbys - Schreiben und Fotografieren - aber es fühlt sich das erste Mal in meinem Leben okay an.

Dennoch fühle ich mich manchmal noch schlecht, weil ich so selten blogge und im März das letzte Mal fotografiert habe, obwohl mir so viele Ideen im Kopf herumschwirren.
Aber das sollte ich mir wohl schleunigst abgewöhnen.

Denn: ich muss mich nicht von einer Sache definieren lassen, ich bin mehr.
Mehr als nur Diabetesblogger oder Hobbyfotograf, mehr als nur ein kreativer Mensch, mehr als nur kulturell interessiert.
Ich sollte mich nicht mehr dafür entschuldigen wollen, an so vielen verschiedenen Dingen Freude zu finden, sondern einfach mein Leben genießen.